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News | 09.01.2010 | 22:45 Uhr | 1. Mannschaft

Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 5 - Desirée Schumann

Die Frau zwischen den Pfosten

Von Nadine Bieneck

Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 5 - Desirée Schumann
Da genügt ein einzelner Kaffee nicht - Desirée Schumann fallen zum Jahr 2009 jede Menge erinnerungswürdige Dinge ein.
Foto: Nadine Bieneck
Desirée Schumann: Die Frau zwischen den Pfosten Im fünften Teil unseres Jahresrückblicks 2009 sprudelt es nur so aus Turbines Keeperin Desirée Schumann heraus. „Es ist soooviel passiert im vergangen Jahr“, legt die 19-Jährige los. Sie hat viel zu erzählen.

Unser jetziges Team ist die stärkste Mannschaft, in der ich je gespielt habe.Desirée Schumann

2006 wechselte das damals 16-jährige Torwarttalent vom VfB Hermsdorf aus der Bundeshauptstadt zum 1. FFC Turbine Potsdam. Etwas länger dauerte es, bis „Desi“ schließlich auch ihren Wohnsitz in die brandenburgische Landeshauptstadt verlegte und an die Sportschule Potsdam wechselte. Zuvor war die Abiturientin tagtäglich zwischen Berlin und Potsdam gependelt, ein zeit- und kraftaufwendiger Balanceakt. Unter Torwarttrainer Dirk Heinrichs und an der Seite von Nationalkeeperin Nadine Angerer sammelte das Torwarttalent Erfahrungen, ehe sich Desirées Laufbahn im November 2007 einschneidend änderte. Angerer fiel verletzungsbedingt erst mehrere Wochen aus und gab dann ihren Wechsel zum schwedischen Erstligisten Djurgården Stockholm zum Jahresende bekannt. Zwangsweise rückte Schumann als Nr. 2 von der Bank dauerhaft zwischen die Pfosten des Turbine-Teams. „Wir mussten sie damals ins kalte Wasser schmeißen“, erinnert sich Dirk Heinrichs, „aber sie hat die Situation gut gemeistert“.

„Ich hoffe, die Halle in Magdeburg ist dieses Jahr voller als beim letzten Hallencup.“

Die Saison 2008/09 war schließlich Schumanns erste Komplettspielzeit als klare Nummer 1. Doch nicht nur aus diesem Grund wird sich die mittlerweile fast 20-Jährige noch lange an die Ereignisse dieser Saison zurückerinnern. „Es ist soviel passiert in diesem Jahr“, bilanziert sie, „angefangen vom Hallenpokal über die Meisterschaft bis jetzt zur neuen Saison, in der es für mich nicht unbedingt leichter geworden ist“.

Angesichts des in wenigen Tagen anstehenden DFB-Hallenpokals in Magdeburg scheinen die Erinnerungen an das vergangene Jahr besonders frisch. „In der Vorrunde lief es ja überhaupt nicht für uns, aber wir haben uns aus diesem Loch gezogen und schließlich den Titel verteidigt, das war toll. Vor allem war es unglaublich schön, dass soviele Turbinefans in der Halle waren und richtig viel Stimmung für uns gemacht haben. Das hat uns noch einmal besonders gepusht. Leider war die Halle relativ leer, ich hoffe, dass in diesem Jahr viel mehr Zuschauer kommen“, beginnt Desirée Schumanns Erinnerungs-Potpourri an das Jahr 2009.

Nächster Punkt auf dieser Liste ist der „fußballerisch schlimmste Moment meines ganzen Lebens“ – das Pokalfinale in Berlin am 30. Mai. „Wir hatten uns soviel vorgenommen, wollten diese einmalige Atmosphäre genießen, haben vor dem Spiel soviel darüber gesprochen. Dass es dann so schief lief…“ – es fällt der 19-Jährigen noch heute schwer, die Ereignisse der Niederlage im Olympiastadion in Worte zu fassen. „Vielleicht haben wir uns im Vorfeld viel zu viele Gedanken gemacht, dann das ganze Drumherum; das sportliche geriet darüber vielleicht zu sehr in Vergessenheit“, so das Ergebnis der Schumannschen Ursachenforschung. Endgültig abhaken und wegschließen kann sie – ebenso wie ihre Mannschaftskolleginnen – die Ereignisse rund um das Berliner Olympiastadion auch nach einem knappen Dreivierteljahr noch nicht. „Wenn es so doll regnet, muss ich jedes Mal an dieses Pokalendspiel denken“, beschreibt sie die nachdrücklichen Eindrücke. „Ich habe damals die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Schiri endlich abpfeift. Nach dem Spiel hätte ich mich am liebsten eingegraben, um nie wieder rauszukommen“. 2010 möchte die Turbine-Keeperin „so gern Revanche üben. Wer weiß, vielleicht liegt uns Köln ja mehr. Ich möchte auf jeden Fall den Einzug ins Finale schaffen, um dort allen zu zeigen, was wir wirklich können“.

„Tja und dann sind wir Meister geworden...“

Allerdings – der Gewinn der Meisterschaft eine Woche später hat das misslungene Pokalfinale dann „ein ganzes Stück verdrängt“. Die Tage bis dahin waren allerdings beschwerlich. „Bis Mittwoch, Donnerstag nach dem Spiel habe ich schwer zu tun gehabt. Sieben Dinger zu kriegen, und dann noch in so einem wichtigen Spiel… Ich habe in dieser Zeit mit Heini (Dirk Heinrichs) gesprochen, es sind auch einige Tränen geflossen. Aber schließlich musste ich mich ja, so wie wir alle, für das Saisonfinale aus diesem Loch ziehen. Ich habe mir gesagt – dein Team braucht jemanden, der hinten im Tor steht, auf den sie sich verlassen können, trotz der sieben Treffer am Samstag davor. Schließlich wollten wir uns doch für die Champions League qualifizieren und die Saison gut abschließen. Tja, und dann, dann sind wir Meister geworden…“.

Noch genau kann sich die Studentin an die Ereignisse an diesem 7. Juni erinnern. „Das erste Tor gegen Wolfsburg war eine Riesenerleichterung. Die ganze Zeit ging mir durch den Kopf: wenn du jetzt zu Null hälst, reicht das“, erzählt sie. „Kurz vor dem Abpfiff meinte ein Zuschauer hinter mir: ihr könnt so hoch gewinnen wie ihr wollt, Bayern führt eh... für einen Moment habe ich tatsächlich darüber nachgedacht, aber schließlich ging es uns ja nur um die Champions League Teilnahme. Ich dachte mir so: stell dir mal vor, wir würden heute noch Meister werden. Das war doch völlig illusorisch“. Trotz der vielen Gedanken und Eindrücke, die in den vergangenen und besonders auch an diesem Tag auf Schumann einstürzten, behielt die Turbine-Schlussfrau die Nerven. Ganz besonders in der 84. Minute des Spiels, als die Wolfsburgerin Pia Marxkord mutterseelenallein auf Schumanns Gehäuse zustürmte, den Anschlusstreffer auf dem Fuße. „Ich bin lange stehengeblieben und hab den Ball dann mit dem Fuß abgewehrt“, erinnert sich „Desi“ noch genau an diesen Moment. „Es war für die Mannschaft ein wichtiges und gutes Gefühl, nach dem 0:7 eine Woche später zu Null zu spielen und natürlich war es schön, dass ich dazu etwas beitragen konnte“, strahlen Schumanns Augen noch ein halbes Jahr später an diese Erinnerungen.

„Als das Spiel aus war und wir noch auf das Ergebnis aus Crailsheim warten mussten, konnte ich erst einmal gar nicht nachdenken. Da fällt au
Riesenfreude bei Mutter und Tochter Schumann nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2009.
Riesenfreude bei Mutter und Tochter Schumann nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2009.
Foto: Jan Kuppert
f einmal alles von dir ab. Dann hieß es auf einmal, wir könnten noch Meister werden. Ich dachte mir nur ‚Waaahnsinn!‘. Die Minuten nach dem Abpfiff war ich aufgeregter, als vor meiner mündlichen Abiprüfung, und das will was heißen. Als dann verkündet wurde, dass wir deutscher Meister 2009 sind, war das der schönste Moment meines ganzen Lebens. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so glücklich gewesen bin wie in diesem Augenblick. Die Minuten und Stunden danach waren so emotional, ich konnte das alles gar nicht realisieren. Ich habe mich mit Ulla (Stefanie Draws) am nächsten Tag erst einmal mit allen Zeitungen, die es gab, eingedeckt, und als wir dort von unserem Titelgewinn gelesen haben, haben wir das dann auch langsam geglaubt“. Mit einem einzigen Treffer mehr hatten die Potsdamerinnen dem FC Bayern München den Titel vor der Nase weggeschnappt. „Im Nachhinein bin ich alle Spiele der Saison noch einmal durchgegangen, habe mich an die Tore erinnert. Jedes einzelne davon erwies sich ja im Nachhinein als bedeutsam für den Meistertitel.“

„Erst hat es mich gebremst, dann gepusht.“

Weniger entspannt lief für Desirée Schumann dann die Vorbereitung der neuen Saison. „Das war schon nicht so einfach für mich“, berichtet die 19-Jährige, „weil es keine Aussage zu einer klaren Nummer 1 gab. Das hat mich anfangs schon gebremst, doch nach einer Weile hab ich mir gesagt, dass ich von dem Konkurrenzkampf ja auch profitiere, wobei ich sowieso der Typ bin, der sich in jedes Training reinhängt und immer 100% gibt. Dass ich beim Saisonstart dann gespielt habe, war für mich ein Vertrauensbeweis und hat mein Selbstvertrauen gestärkt“. Obgleich – das Spiel in Saarbrücken endete anders als geplant. Nach einem unglücklichen und blutigen Zusammenprall mit ihrer Gegenspielerin landete Schumann mit einer Kopfverletzung im Krankenhaus. Die erwies sich im Nachhinein als leichter als zunächst befürchtet, doch – der Schock bei allen Beteiligten saß erst einmal tief. „Ich glaube, für diejenigen, die da zugesehen haben, was das Ganze viel schlimmer als für mich. Nach dem Unfall haben mich viele Leute gefragt, ob ich jetzt in der gleichen Situation beim rauslaufen aus dem Tor Angst hätte. Das Gute ist - ich kann mich an die Geschehnisse in Saarbrücken gar nicht erinnern, daher beeinflusst mich das auch nicht weiter in meinem Spiel“, so Desirées Einschätzung.

Für die Keeperin folgte anschließend eine Zwangspause, auch bei der Champions League Premiere gegen den FC Honka Espoo musste sie zuschauen. „Das war schon ganz schön blöd“, erinnert sie sich. Die Freude über die Teilnahme am internationalen Clubgeschehen schmälert das allerdings nicht: „Es ist ein cooles Gefühl, in andere Länder zu reisen und dort gegen die besten Teams zu spielen. Mit der Mannschaft international unterwegs zu sein macht viel Spaß“. Gleichzeitig bedauert die U20-Nationaltorhüterin das groß

Ich hoffe, ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest und seid gut ins neue Turbine-Jahr gerutschtDesirée Schumann

e internationale Gefälle: „Klar, unsere Liga gehört zu den stärksten. Aber es ist halt schade, wenn du im Hinspiel schon so hoch gewinnst wie wir beispielsweise in Espoo. Das macht es nicht unbedingt einfacher, für das Rückspiel die Spannung hochzuhalten“. Ein anderes Kaliber als den finnischen Champion FC Honka Espoo erwarten die „Turbinen“ allerdings mit Norwegens Meister Røa Oslo im anstehenden Viertelfinale. „Die Norwegerinnen sind stark und für uns schwierig einzuschätzen. Die beiden Spiele im März gegen Røa halten daher sicher jede Menge Überraschungsmomente für uns bereit“.

„Natze ist ein cooler Typ. Ich mag sie nach wie vor sehr gern.“

Nicht nur in der Champions League stehen die „Torbienen“ gut da. „Das Jahr als Herbstmeister abzuschließen, in der Liga ganz oben zu stehen und zu überwintern, dazu ein super Torverhältnis und als krönenden Abschluss den Sieg im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Frankfurt, damit kann man wirklich gut ins neue Jahr gehen“, meint „Desi“. Besonders der Pokalsieg gegen die Mainhattenerinnen scheint dem gesamten Team noch einmal einen ordentlichen Schub zu geben. „Trotz der schlechten Platzverhältnisse waren wir klar besser“, konstatiert Schumann, die zudem die Chance nutzte, mit ihrer einstigen Mentorin Nadine Angerer „nach dem Spiel noch ein bisschen zu quatschen. Natze ist echt ein cooler Typ, ich mag sie nach wie vor echt gern“.

Dem neuen Jahr blickt Desirée Schumann mit viel positiver Gespanntheit entgegen. Dazu hat die 19-Jährige auch allen Grund: „Unser jetziges Team ist die stärkste Mannschaft, in der ich je gespielt habe. Das ist schon Wahnsinn, vor allem wenn man bedenkt, wer hier vor drei Jahren noch alles gespielt hat. Unsere Mannschaft ist jung, aber trotzdem erfahren. Ich fühle mich mit den Mädels total wohl, trotz aller guten Laune ist immer die nötige Spannung da. Es ist außerdem ein schönes Gefühl, dass der Respekt vor unserem jungen Team da ist“.

Voll des Lobes ist die Keeperin auch über ihre direkten Kolleginnen in der Defensive: „Babs (Babett Peter) hat enormen Anteil an unserer guten Abwehrbilanz. Sie gibt mir extrem viel Sicherheit, durch ihre Anweisungen oder wenn sie mir zuspricht, wenn ich mal einen Fehler mache. Auch Ulla (Stefanie Draws), Bibi (Bianca Schmidt) und jetzt Josi (Josephine Henning) zählen dazu, ebenso wie die äußeren Mittelfeldspielerinnen, die viel mit nach hinten helfen. Es herrscht eine sehr gute Kommunikation bei uns“, analysiert die Torfrau.

„Mein großer Traum ist es, bei der WM im Sommer zu spielen.“

Nachdem sie das Weihnachtsfest bei ihrer Familie, die nahezu jedes Heimspiel im Stadion live mitverfolgt, verbrachte, düste „Schu“ für eine Woche zum Urlaub in die Sonne nach Ägypten („um etwas Abstand zu gewinnen und den Akku aufzuladen“). Gut erholt startet sie nun ins Jahr 2010, in dem große Dinge auf die ehrgeizige Sportlerin warten. „Am liebsten möchte ich natürlich mit Turbine bis zum Saisonende an der Tabellenspitze bleiben. Außerdem wollen wir ins Pokalfinale und in der Champions League möglichst weit kommen. Wichtig sind mir außerdem Gesundheit und von Verletzungen verschont zu bleiben.“ Neben einer erfolgreichen Saison mit Turbine Potsdam träumt die bald 20-Jährige zudem von der Teilnahme an der U20-Weltmeisterschaft im eigenen Land: „Es ist mein großes Ziel, dort zu spielen und mich weiterzuentwickeln“, verrät sie ihren großen Traum für das Jahr 2010.

Abstand zum Sport („Fußball ist alles für mich, mein ganzes Leben dreht sich nur darum“), gewinnt die Abiturientin der Potsdamer Sportschule durch ihr Studium. Seit Oktober ist sie an der Universität Potsdam im Fach Europäische Medienwissenschaften eingeschrieben. „Drei Tage in der Woche belege ich Vorlesungen und Übungen, das arrangiert sich ganz gut mit dem Sport“, berichtet sie. „Das Studium ist ein guter Ausgleich zum Leistungssport. Dort kommt man auch mal auf andere Gedanken und hat auch mit Leuten außerhalb des Fußballs zu tun“.

Turbines umgängliche Torhüterin, die gern auch den Kontakt zu den Fans pflegt, schließt ihren ganz persönlichen Jahresrückblick mit den besten Wünschen an alle Turbine-Anhänger ab: „Ich hoffe, ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest und seid gut ins neue Turbine-Jahr gerutscht“, grinst sie. Die Vorfreude auf die anstehenden Aufgaben ist ihr dabei bereits schon wieder anzumerken. Am kommenden Wochenende geht es los, dann warten in Jöllenbeck und Kiel die ersten Hallenzaubereien auf die „Turbinen“ und ihre Fans.

Nach den Eindrücken von Turbines Schlussfrau kommt mit Stefanie Draws eine derjenigen zu Wort, die zu den eher ruhigeren Vertreterinnen im Turbine-Team gehört. Was jedoch nicht heißt, dass ihr zum Stichwort „2009“ nicht ebenfalls tausend Gedanken durch den Kopf schießen, die sie in Teil 6 unseres Jahresrückblicks mit euch teilt.

Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 1 - Bernd Schröder
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 2 - Bernd Schröder
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 3 - Bernd Schröder
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 4 – Jennifer Zietz

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